Amt für Gemeindedienst in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

Netzwerken heißt kommunizieren

In unseren Kirchengemeinden gibt es vielfältige Vernetzung zwischen den Menschen. Diese sind nicht immer sichtbar, aber wichtig für den Gesamtkontext. Manche Menschen sind - ohne dass sie es wissen - wichtige Knotenpunkte. Sie verbinden ein Mininetzwerk mit einem anderen. Hier findet Informationsaustausch statt, Verbindungen werden hergestellt.

Netzwerkorientierte Gemeindeentwicklung heißt, sich dieser verschiedenen Vernetzungen bewusst zu werden, sie wahrzunehmen und sich konstruktiv in das Netzwerk hineinzubegeben, um es gut nutzen zu können und die eigenen kirchengemeindlichen Erfahrungen in den Kontext einzubringen.

Netzwerkorientierte Gemeindeentwicklung

Im Herbst 2014 ist in der Reihe PraxisBuch im Amt für Gemeindedienst das Ergebnis einer mehrjährigen Studie unter folgendem Titel erschienen:

Netzwerke sichtbar machen

Impulse für Gemeindeentwicklung

 

Im Auftrag des Amtes für Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche
in Bayern hat das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (www.ipp-muenchen.de) zwischen 2009 und 2014 sieben bayerischen Kirchengemeinden unter dem Aspekt der Netzwerkforschung untersucht. Dabei greift das Projekt in seinen konzeptionellen Grundlagen drei Fragen auf, die für die soziale Verortung von Menschen zentral sind - Bindung, Engagement, Netzwerk.

Herausgegeben wird das Buch von Ulrich Jakubek, Geschäftsführer des afg, und Dr. Florian Straus, IPP.

 

Bestellung unter: http://www.afgshop.de/product_info.php?info=p1184_NETZWERKE-SICHTBAR-MACHEN.html

Art.Nr.: 400761 | 14,50 EUR

 

Inhaltsverzeichnis: Haben Sie sich heute schon verändert? (Ulrich Jakubek) | Netzwerkorientierung in evangelischen Gemeinden (Florian Straus) | Netzwerk und Kirchenmitgliedschaft (Stefan Koch) | Netzwerk „Gemeinsam für die Region“ - Interview mit Thomas Guba | Der Geist weht, wo er will – zur Dynamik lebendiger Netzwerke (Isabel Hartmann) | Beziehungsweisen oder: Die Stärke schwacher Bindungen (Ulrich Jakubek) | Komplexität gemeinsam reduzieren (Florian Straus) | Über Ehre und Amt hinaus - Interview mit Prof. Dr. Heiner Keupp | Netzwerken im Neuen Testament – Paradebeispiel Paulus (Thomas Popp) | Werft eure Netze aus – zur Situation von Kirchengemeinden (Gudrun Scheiner-Petry) | Beispiel „SeniorenNetzwerk“ - Interview mit Antje Keller | Methoden für netzwerkorientierte Gemeindeentwicklung (Martina Jakubek und Christa Flurer) | Konsensmoderation (Martin Simon)

 

Aus dem Vorwort

Der Mensch als soziales Wesen wird in seinem Handeln und seiner Identität kontinuierlich von den anderen Menschen seiner Mit- und Umwelt geprägt. Dies gilt für sämtliche Bereiche des Alltags und auch für die Beziehungen in einer Kirchengemeinde. Diese Bedeutung informeller Netzwerke ist so alt wie die Kirche selbst. Neu hingegen ist die Frage, welchen Stellenwert das Netzwerk an personalen Beziehungen hat, wenn Institution, Organisation und Netzwerk keine einfache, selbstverständliche Einheit mehr bilden. Diese Annahme eines veränderten Grundverhältnisses von Kirche als Institution, Organisation und Netzwerk liegt dem Projekt „Netzwerkorientierte Gemeindeentwicklung“ zugrunde.

Im Auftrag des Amtes für Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern hat das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (www.ipp-muenchen.de) zwischen 2009 und 2014 sieben bayerischen Kirchengemeinden unter dem Aspekt der Netzwerkforschung untersucht. Dabei greift das Projekt in seinen konzeptionellen Grundlagen drei Fragen auf, die für die soziale Verortung von Menschen zentral sind1

 

Die Bindungsfrage

Dabei geht es vor allem darum, wie sich Menschen in einer individualisiertenGesellschaft an Organisationen, Vereine, Initiativen binden.


Die Engagementfrage

Hier steht im Mittelpunkt des Interesses, was Menschen heute suchen und benötigen, wenn sie Verantwortung übernehmen und Angebote (mit)gestalten statt nur Mitglied zu sein und Angebote zu nutzen.

 

Die Netzwerkfrage

Sie richtet den Blick auf informelle und strategische Netzwerke und damit auf die Frage wie sinnvoll es ist, Kirche nicht nur als Institution und Organisation, sondern auch als Netzwerk zu verstehen und zu analysieren.

 

Auch die im Frühjahr 2014 veröffentlichte V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“ hat sich von der Netzwerkperspektive inspirieren lassen. Auch hier wurde deutlich, dass „der Austausch über religiöse Themen primär in Mikronetzwerken von Wahlverwandten und engsten Vertrauten, denen man sich in hohem Maße verbunden fühlt und die sich in der Regel zudem auch untereinander kennen geschieht.2

Die „Netzwerkorientierte Gemeindeentwicklung“ fragt somit nach personalen Beziehungen, die nicht nur im Kontext von religiösen Themen stehen, und ihre Bedeutung für Kirchengemeinden. Dabei sind wir mit unseren Untersuchungen auf der Spur des englischen Anthropologen John Barnes, der in den 1950er Jahren eine Gemeindestudie über einen Kirchensprengel auf der norwegischen Insel Bremnes erstellte und in diesem Zusammenhang die Netzwerkmetapher prägte. “Barnes untersuchte das institutionelle System von Verwaltung, Kirche und ökonomischen Beziehungen, Damit hatte er aber das soziale Feld“ des Fischerdorfes noch nicht ausreichend erfasst. Es wurde ihm klar, dass neben der formalen und hierarchischen Struktur des institutionellen Systems soziale Beziehungen das Alltagsleben in dieser Gemeinde prägten. Es handelt sich um Freundschafts-, Nachbarschafts- und Bekanntschaftsbeziehungen, die teilweise über verwandtschaftliche Bindungen vermittelt und teilweise frei gewählt waren. Das soziale Leben wird wesentlich in diesem Beziehungsgeflecht organisiert und abgewickelt. Es vermittelt gegenseitige Hilfe und Unterstützung, bestimmt die Freizeitaktivitäten und hat etwa bei der Arbeitsplatzvermittlung einen besonderen Stellenwert Dieses Geflecht durchzieht mycelartig das Gemeindeleben, und ein Anthropologe, Soziologe oder Sozialpsychologe muss es erfassen, wenn er dem „sense of community“ (Sarason,1974) auf der Spur ist.“3

Die Beiträge dieses Sammelbands haben sich von der Netzwerkperspektive inspirieren lassen und versuchen auf unterschiedlichen Ebenen diese für den gemeindlichen,kirchlichen Kontext nutzbar zu machen. Ihr Ziel ist es

  • die gesellschaftlichen Veränderungen sichtbar zu machen, die zu einer veränderten Netzwerkorientierung nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer Institutionen geführt haben.
  • den historisch-theologischen Gehalt der Netzwerkidee im neuen Testament sichtbar zu machen.
  • methodische Anregungen zu geben, wie man die Netzwerkidee auch im Alltag der Kirchengemeinden fruchtbar umsetzen kann.

 

1 Vgl. das Teilprojekt ‚Reflexive Individualisierung und posttraditionale Ligaturen„ im Sonderforschungsbereich 536 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

2 V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“, Hannover, 2014, S 7.

3 Keupp, Heiner: Riskante Chancen, Heidelberg, 1988, S 97.

Ulrich  Jakubek
Ulrich Jakubek
Diakon/Geschäftsführung
Telefon: 0911 4316-221

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